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Gemeinschaftliches Azubi- und Beschäftigtenwohnen in Tübingen

Das Projekt der Marie GbR

Entwurf des gemeinschaftlichen Bauprojektes

© Architekturbüro Gauggel, Eleonore Kaupp

Mit der Marie GbR entsteht in der Tübinger Marienburger Straße ein außergewöhnliches Wohnprojekt, das in mehrfacher Hinsicht neue Wege geht. Erstmals haben sich 15 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen zu einer gemeinsamen Bau‑ und Eigentümergemeinschaft zusammengeschlossen, um bezahlbaren Wohnraum für Auszubildende, Berufseinsteiger*innen und weitere Beschäftigte zu schaffen. Das Vorhaben verbindet Fachkräftesicherung, soziale Verantwortung und innovative Stadtentwicklung und ist damit ein Modellprojekt weit über Tübingen hinaus.

Ausgangslage und Motivation

Wie viele Universitäts- und Wachstumsstädte steht Tübingen vor der Herausforderung eines angespannten Wohnungsmarktes. Besonders Auszubildende, neu eingestellte Fachkräfte sowie Beschäftigte aus dem In- und Ausland finden kaum bezahlbaren Wohnraum. Für viele Unternehmen wird dies zunehmend zu einem Standortnachteil und erschwert die Gewinnung und Bindung von Mitarbeitenden.

Vor diesem Hintergrund ging die Initiative für das Projekt bewusst von der Stadt Tübingen aus. Ziel war es, Unternehmen innerhalb der Stadt beim Schaffen von Wohnraum zu unterstützen – insbesondere kleinere und mittlere Betriebe, für die ein eigenes Neubauprojekt allein kaum realisierbar wäre. Durch gemeinschaftliches Bauen sollten Skaleneffekte genutzt, Kosten gesenkt und gleichzeitig bedarfsgerechte Wohnangebote ermöglicht werden. Entlastend für die Unternehmen im Projekt ist, dass sie sich auch ohne vertiefte Vorkenntnisse im Bauen beteiligen können und bei Aufgaben wie der Stellung von Förderanträgen umfassend unterstützt werden.

Ein branchenübergreifendes Gemeinschaftsprojekt

Die Besonderheit der Marie GbR liegt in ihrer vielfältigen Zusammensetzung: Unternehmen aus ganz unterschiedlichen Branchen – darunter Hotellerie, Softwareentwicklung, Sozial- und Gesundheitswirtschaft, Energieversorgung, genauso wie ein Menübringservice, eine Metzgerei und eine Gebäudereinigung – bündeln ihre Kräfte in einer gemeinsamen Baugemeinschaft. Organisiert ist das Projekt als Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), in einem maßgeschneidert ausgearbeiteten Gesellschaftsvertrag werden die Rechte und Pflichten der beteiligten Unternehmen geregelt.

Mit dem Kauf des Grundstücks und der direkt anschließend beurkundeten Teilungserklärung werden die Wohnungsgrundbücher für die Einheiten der beteiligten Firmen erstellt, eine Grundlage für die jeweils individuellen Finanzierungen. Nach der Fertigstellung des Gebäudes wird die Baugemeinschaft in eine dauerhafte Eigentümergemeinschaft überführt, die das Gebäude gemeinschaftlich bewirtschaftet. Dieses Konstrukt ermöglicht eine langfristige Stabilität bei gleichzeitig klar geregelten Zuständigkeiten.

Das bauliche Konzept

Geplant ist ein Gebäude mit insgesamt 69 Apartments. Davon entfallen 54 Wohnungen auf Einzimmerapartments mit jeweils rund 23 Quadratmetern sowie 15 Wohnungen auf Zwei-Zimmerapartments mit einer Größe von etwa 30 bis 39 Quadratmetern. Jedes Apartment verfügt über eine eigene kleine Küche und ein eigenes Bad und ist damit vollständig eigenständig nutzbar.

Ergänzt werden die privaten Wohnräume durch großzügige Gemeinschaftsflächen. Im Erdgeschoss sowie im Dachgeschoss entstehen Gemeinschaftsräume, die Begegnung, Austausch und ein gemeinschaftliches Miteinander fördern. Eine gemeinschaftlich nutzbare Dachterrasse bietet einen zusätzlichen Treffpunkt. Das architektonische Konzept, entworfen vom Architekturbüro Gauggel, verbindet funktionales Wohnen mit sozialen Qualitäten.

Zielgruppe und Nutzungskonzept

Das Wohnangebot richtet sich vor allem an Auszubildende, neu angeworbene Fachkräfte aus dem In- und Ausland sowie weitere Beschäftigte der beteiligten Unternehmen. Der Fokus liegt auf einem temporären Wohnangebot, das das Ankommen im Betrieb und in der Stadt Tübingen erleichtert. Gerade in der sensiblen Anfangsphase eines Ausbildungs- oder eines neuen Arbeitsverhältnisses kann ein gesicherter Wohnraum entscheidend sein.

Gleichzeitig ist das Konzept offen genug, um auch längerfristige Wohnverhältnisse zu ermöglichen, sofern dies betrieblich und individuell sinnvoll ist. Die konkrete Belegung und Auswahl der Mieter*innen erfolgt durch die einzelnen Unternehmen, die hierfür eigene Konzepte entwickeln.

Vermietung, Vertragsgestaltung und Organisation

Jedes Unternehmen vermietet die ihm gehörenden Apartments eigenständig an seine Beschäftigten. Grundsätzlich wird eine Kopplung des Mietvertrags an den Ausbildungs- oder Arbeitsvertrag angestrebt. Das bedeutet: Endet das Arbeitsverhältnis, endet nach einer definierten angemessenen Frist auch das Mietverhältnis. Dieses Modell schafft Transparenz und stellt sicher, dass der Wohnraum dauerhaft der Zielgruppe zur Verfügung steht.

Ergänzend wird die Einrichtung eines freiwilligen Mietpools geprüft. Unternehmen könnten dort Wohnungen einbringen, die sie temporär nicht selbst benötigen, sodass der Wohnraum flexibel innerhalb der Gemeinschaft genutzt werden kann.

Finanzierung und Förderstruktur

Die Gesamtkosten des Projekts setzen sich aus Grundstücks-, Planungs- und Baukosten zusammen. Aktuell wird mit Baukosten von rund 7.300 Euro pro Quadratmeter gerechnet. Durch die Inanspruchnahme der sozialen Wohnraumförderung kann eine Kaltmiete von etwa 350 Euro für ein 23-Quadratmeter-Apartment realisiert werden; die Warmmiete wird voraussichtlich bei rund 450 Euro liegen.

Zusätzlich profitieren die beteiligten Unternehmen von steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten. Die Förderung ist ein zentraler Erfolgsfaktor des Projekts und sichert, dass die Wohnungen dauerhaft bezahlbar anboten werden müssen.

Kooperation und Erfolgsfaktoren

Wesentliche Kooperationspartner*innen sind die Stadt Tübingen als Initiatorin und Grundstückseigentümerin, die beauftragten Büros für die Projektsteuerung und die Architekturplanung sowie die beteiligten Unternehmen. Die Stadt hat das Projekt aktiv vorangetrieben, Unternehmen angesprochen und mit der Reservierung des Grundstücks die Grundlage für die Umsetzung geschaffen.

Auch wenn sich das Projekt noch in der Planungsphase befindet und der Bauantrag noch nicht eingereicht ist, zeigt sich bereits jetzt: Die Marie GbR ist ein innovatives Beispiel dafür, wie kommunale Initiative, unternehmerische Verantwortung und gemeinschaftliches Bauen erfolgreich zusammenwirken können. Das Projekt steht damit exemplarisch für eine neue Generation des Beschäftigtenwohnens – sozial, kooperativ und zukunftsorientiert.

 

 

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Anna-Luise Götze Projektreferentin
Dächer

Zukunft Beschäftigtenwohnen

Wohnraummangel wird immer öfter zur zusätzlichen Bremse bei der Fachkräftesicherung. Weil Rekrutierungen platzen oder Probezeiten nicht verlängert werden, wenn neue Mitarbeiter*innen keine Wohnung finden, werden Unternehmen immer öfter selbst aktiv und helfen mit Mitzuschüssen oder eigens angemieteten oder gebauten Wohnungen. Doch gerade in Ballungsräumen und Speckgürteln, wo das Angebot an verfügbaren Mietwohnungen in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat, sind solche Maßnahmen oft nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Ob es vor diesem Hintergrund ein „Business Modell Beschäftigtenwohnen“ gibt – das wollen wir in einer IHK-Veranstaltungsreihe „Zukunft Beschäftigtenwohnen“ herausfinden. Und damit auch Modelle, Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten und natürlich Best-Practice-Beispiele, wie Unternehmen ihre Beschäftigten bei diesem Thema sinnvoll unterstützen können.